Ausgewählte Kritiken - Rezensionen  
 
back
 
 
Rezension von „Blinder Passagier nach Petersburg“ – Sidonia Binder
Literarisches Österreich, Heft 2009/2
 
     
   
 
     
 
 
     
  Manfred Chobot  
   
 
Der Gruftspion
 

Manfred Chobot

       
   

Blinder Passagier nach Petersburg
Essays und Interviews.

     
   

Brosch.

     
   

264 S.

     
   

edition lex liszt 12, Oberwart 2009,

     
   

20,-- Euro

     
           
               
 
   
     
     
 

Manfred Chobot: Blinder Passagier nach Petersburg. Essays und Interviews. edition lex liszt, Oberwart 2009. ISBN 978-3-1757-90-7

Politik ist ihm so wichtig wie Kunst. Eine Aussage, die Manfred Chobot nicht nur im Briefzitat mit Alfred Hrdlicka verbindet. Und Politik, im engeren und weiteren Sinne, vom permanenten Anliegen, lebbare Konstrukte für das Zusammenleben von Menschen zu relativieren, bis zum satirischen Umgang mit der conditio humana, ist der weite Raum, in dem Chobots vielgestaltiges literarisches Werk immer schon wurzelt und wächst. Von den sechzehn in diesem Buch gesammelten Essays und Interviews sind im engeren Sinne mehr als die Hälfte diesem Raum zuzurechnen, im weiteren Sinne alle. Seine zitierende und dokumentierende Erzählweise ist das Produkt vielfältiger Recherchen und Begegnungen.

Die Poesie, ein nur scheinbar versteckter literarischer Aspekt bei Manfred Chobot, wird hier im Beitrag über Christian Loidl, „Poesie als Schamanismus oder Schamanismus als Poesie“, weit über den Titel hinaus deutlich: „…er erhebt das Experiment zum Stilprinzip, um in neue, ungeahnte literarische Dimensionen einzudringen. Das Bewusstsein laufen lassen und zugleich in den Griff zu bekommen. (…) Als Unbeteiligter und zugleich Involvierter…“ Doch die reale Sicht auf die Dinge und das aktuelle Geschehen erzeugen Bitterkeit und Beklemmung.

Auch die tragische Existenz des 1941 verstorbenen Schriftstellers Arthur Holitscher wird berührend lebendig in „Der vergessene Autor“. Trotz zahlreicher anerkannter Bücher, wie etwa „Der Golem“, machte er sich zum Außenseiter: „Jede Gemeinschaft belehrte mich, daß ich zu keiner gehörte“, schrieb er und: „Es gibt für einen bewußt lebenden Menschen aber nichts Schmerzhafteres als wach zu sein. Die meisten Menschen werden es nie…“ Er inspirierte Franz Kafka, war betroffen von Karl Liebknechts Äußerung: „In der Periode des unerbittlichen Kampfes ist der Intellektuelle Ballast“. Robert Musil hielt die Grabrede. Sein Grab verfiel.

Chobots bekannt intensiver Zugang zur bildenden Kunst wird hier in diesem Band in mehreren, sehr persönlichen Beiträgen deutlich. Es sind Einblicke in dynamisch wachsende Freundschaften und gemeinsame künstlerische Tätigkeiten. Es ist besonders die nicht immer einfache, impulsreiche Zusammenarbeit mit Alfred Hrdlicka: ein unter Strapazen zustande gekommenes Werkverzeichnis, zahlreiche Artikel über ihn und die Unterstützung der „Gegen-Secessionisten“. Die daraus folgenden, vielschichtigen Erkenntnisse waren prägend.

Die divergierenden Wahrnehmungen in der Kunst eines Grafikers, eines Fotografen, bzw. Fotoretuscheurs und eines Musikers werden zum Spannungselement im Abschnitt über Karl Anton Fleck, von dem auch das Coverbild des Buches stammt. Inmitten von Beiläufigkeiten und tagebuchartigen Reminiszenzen finden sich, nicht nur hier, Aussagen wie Kondensationskerne: „Man kann das Porträt nicht ausschließlich den Fotografen überlassen.“ „Die Abbildung erweitern, zu sehen, was sich dahinter befindet (…) den Charakter mit abbilden.“ Dann die Zitate des Aktionskünstlers Wolf Vostell über die unterschiedliche Bedeutung von Happening und Fluxus. Und schließlich die verbale Lebensskizze des Malers Othmar Zechyr und seiner Eigenheiten.

Verblüffend dargestellt sind die literarischen Besonderheiten von Max Riccabona, „in dessen Erzählweise sich die Tendenz verbirgt, das Ende zu vermeiden, weil es keines gibt…“

Dem längst bekannten Anliegen der Entstigmatisierung psychisch Kranker wird in zwei umfangreichen Beiträgen Raum gegeben: „Schrift als Äußerung und Ornament“ und „Die Gugginger Künstler.“

Manfred Chobots gekonnte Fragestellung initiiert in Kürze klare Aussagen zu komplexen politischen Ereignissen wie etwa im Gespräch mit Jorge Semprún. Die Rolle der Sowjetunion im Spanischen Bürgerkrieg, die Entwicklung der KP und die Abkehr von ihr werden nachvollziehbar. Politik und Literatur verhalten sich auch laut Semprún „immer in einem Spiel von Wechselwirksamkeit“.

Die Erzählung „Die Bronnen’s“ bereitet eine familiäre, wie politisch literarische Verflechtung innerhalb dreier Generationen aus, geprägt durch die Atmosphäre der früheren Jahrhundertwende. Die prägnante Zitatenwahl macht den großen ereignisreichen Bogen ohne Langatmigkeit möglich. Präzis dargestellt sind auch die biographischen Winkelzüge Richard Billingers, ein Dichter als „unverschämter Plagiator“. Carl Zuckmayer, der einige Zeit befreundet mit ihm war, wendet sich von ihm als Nazi-Dichter ab.

Eine essayistische und literaturhistorische Kostbarkeit ist Manfred Chobots Beitrag über das Hörspiel. Er entwickelt die Befreiung und Verselbständigung des Hörspiels aus der engen Kategorisierung früherer Jahrzehnte. Neu zu sehen ist das Wort als Anreger der Phantasie in Fragmenten oder hörbaren Gesamtszenen, oder es ist ein „Schallspiel“ nach Paul Pörtner, in dem es über bloße Geräusche hinaus zu künstlerischen Formalisierungen kommt. Erfreulich ist die genaue Differenzierung aller Arten akustisch-literarischer Darstellung und ihrer Eigenständigkeit.

Nicht zuletzt wird in diesem Umfeld Christine Nöstlingers Werk und auch ihre Vermittlerrolle zwischen den Generationen als Bereicherung der Kinder- und Jugendliteratur in Wort und Ton gewürdigt.

Und es entsteht die Erkenntnis: Wer künstlerisch tätig ist, schreibt, malt, in Stein und Schall gestaltet, wird – und das ist die Verbindung zur Politik – auf irgendeine Weise vom Menschen zum Mitmenschen.

Der titelgebende Essay ist eine umfangreiche, perspektivische Abhandlung über Franz Jung, der im April 1920 als blinder Passagier auf dem Fischdampfer bei der Ausfahrt vom Hafen Cuxhaven eine Kursänderung nach Russland erzwingt. Als Delegierter der Kommunistischen Arbeiterpartei Deutschlands ist er unterwegs, um Lenin von der Lage in Deutschland zu berichten. Die Anliegen der KPD und der KAPD und die darauf bezogene Schrift Lenins „Der linke Radikalismus, die Kinderkrankheit des Kommunismus“ liegen dem höchst interessanten, politisch differenzierten Exkurs zugrunde. Der Schriftsteller Franz Jung wird, geprägt durch Flucht, Gefängnis und politische Niederlage, in seiner Ambivalenz dargestellt. Den Lesern gegenüber gehässig, publiziert er doch. „Ein spröder, widersprüchlicher Mensch, der die Provokation genoss, weil er sich dadurch selbst ständig in Frage stellte.“

In der permanenten Suche nach tragfähigen Utopien für eine gerechtere Welt ist es die starre Intensität, die oft umgekehrt proportional zum positiven Ergebnis steht. Doch die Auseinandersetzung mit den vorliegenden Essays lohnt sich in jedem Fall.

Sidonia Binder

 
 
 
 
top